Analyse: E-Auto Schwindel oder Desinformation?

Der Hintergrund für diesen Beitrag ist der neue Gastkommentar, den Herr Sinn pünktlich vor Weihnachten für das Handelsblatt verfasst hat und den ich so nicht stehen lassen möchte, da er einmal mehr auf zweifelhaften Angaben beruht. Wieder einmal geht es um die Elektromobilität unter dem Titel: „Der Schwindel mit dem E-Auto„. Hintergrund sind die EU Vorgaben zum Flottenausstoß von 59 Gramm je Kilometer ab 2030, verbunden mit hohen Strafzahlungen bei Verfehlung des Zielwertes. Mit dem Ziel der Schaffung eines Anreizes für die Umstellung auf Elektromobilität, eine sehr sinnvolle Maßnahme also – nicht jedoch nach Ansicht von Herrn Sinn.

Ein Schwindel?

Unterstellt wird, dass hier ein großer Schwindel vorliegt, da Elektroautos laut Sinn in „erheblichem Umfang“ CO2 emittieren. Verwiesen wird dabei auf die selbst erstellte, mit Co-Autoren verfasste Studie: „Kohlemotoren, Windmotoren und Dieselmotoren: Was zeigt die CO2-Bilanz?“ – eine vielkritisierte Studie, voll mit bereits eindeutig widerlegten, bzw. extra zum Nachteil von Elektroautos gewählten Annahmen. Beispielhaft zu nennen wäre hier die Wahl des NEFZ Zyklus als Basis für Verbrauchswerte (in der Praxis unrealistisch für das als Vergleichbasis gewählte Dieselfahrzeug, während der verwendete Verbrauch des Elektroautos real erreichbar ist) oder auch die falsche Angabe der CO2 Emisssionen des deutschen Strommix (Wert aus der Studie: 0,55 kg/kWh), richtig wäre hier ein Wert von 0,47 kg/kWh (Quelle Umweltbundesamt) – Tendenz kontinuierlich sinkend. Der wissenschaftliche Standard für den Vergleich verschiedener Antriebstechnologien ist der Vergleich auf Basis eines vollständigen Life Cycle Assessment (LCA) – Sinn et al sind in ihrem Vergleich weit von einer entsprechend umfassenden Betrachtung entfernt, was eine belastbare Aussage unmöglich macht.

Aber ich möchte hier nicht detailliert auf die „Studie“ eingehen, diese wurde bereits ausreichend besprochen. Eine gute Übersicht über die Tricksereien die Sinn et Al in ihrer Arbeit anwenden, findet sich beispielsweise im Artikel von Stefan Hajek in der Wirtschaftswoche: „Was Hans-Werner Sinn bei seiner Elektroauto-Studie übersehen hat“. Beispielhaft für viele, tatsächlich nach wissenschaftlichen Methoden durchgeführte Studien stehen die Ergebnisse des Fraunhofer ISI oder des icct, welche zu genau gegenteiligen Schlussfolgerungen kommen. Eine Bewertung der Ergebnisse der „Studie“ von Sinn et al und eine weitere detaillierte Aufschlüsselung der Wiedersprüche zum Stand der Wissenschaft findet sich in einer Stellungnahme des Fraunhofer ISI.

Ungeachtet dessen, dass seine „Studie“ bereits eindeutig widerlegt wurde, stützt sich Sinn hier weiter auf die Ergebnisse, um den angeblichen Schwindel der EU aufzuzeigen. Hinzu kommt, dass Batterien angeblich früher als angenommen schlapp machen – wofür es bislang keine Anhaltspunkte gibt. Erfahrungen aus Batterien mit hoher Laufleistung zeigen sogar gegenteiliges – eine Lebensdauer, die Verbrennungsmotoren erst einmal erreichen müssen. Sinn lässt hier den Fortschritt einer im Vergleich zum Verbrennungsmotor noch relativ jungen Technologie, der Lithium Batterie, völlig außer acht. Ein gutes Beispiel für diesen Fortschritt zeigt sich eben gerade bei der zunehmenden Batterielebensdauer.

Sinn verwendet in seinen Beiträgen und „Studien“ Tricks und zweifelhafte Annahmen, unterstellt dann jedoch nach wissenschaftlichen Kriterien nachvollziehbaren Studien „eigenartige Rechnungen“. Damit ist die neue „Schweden-Studie“ gemeint. Im Gegensatz zu seiner Darstellung ist der dort ermittelte, deutlich niedrigere CO2 Fußabdruck der Batterieproduktion nicht ausschließlich auf die Nutzung von CO2 freiem Strom, sondern auch auf eine verbesserte Effizienz in der Zellproduktion zurückzuführen.

Weiter kritisiert Sinn an der „Schweden-Studie“ den Ausblick auf die zukünftige Entwicklung der im Zusammenhang mit der Fahrzeugbatterie anfallenden CO2 Emissionen, während er die CO2 Grenzwerte ab 2030 als Schwindel bezeichnet – was ja ebenfalls noch weit in der Zukunft liegt. Die „Schweden-Studie“ passt somit im Gegensatz zur Darstellung eigentlich sehr gut zu den zukünftigen, scharfen CO2 Grenzwerten – denn wenn diese gelten, ist von einer weitgehend auf Ökostrom basierenden Fertigung auszugehen – dies ist keine unhaltbare Prognose, sondern ein bereits aktuell zu beobachtender Trend.

Eine Wette auf die Zukunft

Was Herr Sinn bei seinen Ausführungen völlig außer acht lässt, in meinen Augen der wichtigste Punkt: Das Entwicklungspotential in der Zukunft.

Während der Verbrennungsmotor auf das Ende seines Entwicklungspotentials zugeht, was sich beispielsweise darin äußert, dass Verbesserungen bei Verbrauch und Emissionen nur noch in kleinem Umfang und mit großem technischen Aufwand erreicht werden – steht der Elektroantrieb noch am Anfang.

Dasselbe gilt für die Produktion des notwendigen Energieträgers, bei der Produktion von elektrischem Strom haben wir die Alternativen in Form erneuerbarer Energien bereits technisch verfügbar. Eine CO2 neutrale Stromproduktion ist möglich. Dies wirkt sich dann neben der Möglichkeit Fahrzeuge CO2 frei zu betreiben natürlich auch auf die Produktion der Fahrzeugkomponenten, wie der Batterie, aus.

Die Kritik einer „Reservierung grünen Stroms“ wie sie von Sinn vorgetragen wird, ist zu kurz gedacht. Der Fokus auf elektrifizierte Mobilität bietet das realistisch erreichbare Ziel einer weitgehend CO2 freien Mobilität – von der Produktion bis zum Antrieb der Räder. Je früher wir sprichwörtlich alle „Energie“ darauf verwenden, desto schneller erreichen wir dieses Ziel.

Aus diesem Grund sind die Szenarien verschiedener Studien, die von der weitgehenden Nutzung von erneuerbarem Strom und damit CO2 neutraler Energie im Elektroauto ausgehen, einerseits das zu erreichende Ziel – andererseits jedoch auch heute schon zum Teil Realität. Da Elektroautos bereits heute Privat wie auch an öffentlichen Ladesäulen mit Ökostrom versorgt werden.

Abgesehen davon findet keine „Reservierung“ statt, wie von Sinn behauptet. Im Gegenteil sorgen die Hersteller von Fahrzeugbatterien durch eine gezielte, regionale Stromerzeugung (beispielsweise durch die Ausstattung der Fabriken mit PV Modulen) für die Erzeugung weiteren CO2 freien Stroms für die Produktion.

Im Gegensatz zur frechen Unterstellung Sinns an die Parlamentarier, “ Sie wüssten entweder nicht was sie täten oder sie hätten die Völker Europas wissentlich an der Nase herumgeführt“. Haben diese mit viel Weitsicht die Weichen für die Zukunft gestellt.

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